Redaktion: Frau Preidel, Sie sind Biologin und stehen jetzt auf der Brücke eines Riesentankers namens Kirche, der nach ganz anderen Regeln funktioniert als die Welt der Wissenschaft. Wie kommen Sie denn damit klar?
Preidel: Da wächst man ja rein. Ich hatte nie geplant, dass ich irgendwann Präsidentin der Landessynode werde, ich habe für den Kirchenvorstand kandidiert. Das fing ganz normal an und hat dann eine Eigendynamik bekommen. Und jetzt versuche ich, meine wissenschaftliche Neugier in die Kirche zu übertragen. Wenn wir an allem festhalten und nicht auch mal loslassen, dann verlieren wir viel an kreativer Energie.
wir viel an kreativer Energie.“
Redaktion: Die Kirche ist allerdings nicht gerade als Trendsetter bekannt ...
Preidel: Ja. Aber sie gerät in Bewegung, das merkt man. Zwar in kleinen Schritten und ohne spektakuläre Umbrüche, aber vielleicht ist es auch ganz richtig, dass sich etwas langsam entwickelt. Nur so kann man dann auch tatsächlich alle mitnehmen. Und wir haben im Moment – das ist ein großer Luxus – auch genügend Zeit.
Redaktion: Auch in der Bevölkerung spielt die Kirche keine so große Rolle mehr ...
Preidel: Wir müssen da zwischen der Organisation Kirche und ihren Inhalten unterscheiden. Als Organisation haben wir eine abnehmende Akzeptanz. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich die Menschen von unseren Inhalten distanzieren. Jemand, der aus der Kirche austritt, kann sich durchaus weiterhin als Christ verstehen. Dennoch müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass die christliche Substanz unserer Gesellschaft bröckelt. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Menschen auch in einer säkularer werdenden Welt Fragen stellen, auf die das Evangelium Jesu Christi starke Antworten gibt. Manchmal habe ich übrigens das Gefühl, dass die Kirche einen blinden Fleck hat. Sie denkt, dass sie das Zentrum des Christlichen ist und unterscheidet deswegen zwischen Mitgliedern und Außenstehenden. Dabei merkt sie gar nicht, dass sie selbst außenstehend geworden und nicht mehr bei den religiösen Fragen der Menschen ist.
Redaktion: Das ist ja schon relativ provokant. Wenn Sie Ihrer eigenen Kirche vorhalten, dass sie in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur nur zuschaut, wird ihr das ja nicht unbedingt schmecken. Oder?
Preidel: Ob schmecken oder nicht: Ich bin immer dafür, dass man sich darin üben sollte, die Dinge immer wieder anders zu sehen. Und ich erhoffe mir, dass sich aus diesem provokanten Anderssehen ein Perspektivenwechsel ergibt, der produktiv ist.
Redaktion: Haben Sie denn schon Ideen, wie ein solcher Ruck in die Gemeinden kommt?
Preidel: Ich habe viele Ideen. Aber nicht nur ich habe Ideen. Die gesamte Synode ist eine Kommunikationsplattform für Ideen der Kirchenentwicklung! Wir haben uns in den letzten zweieinhalb Jahren in gemischten Ausschüssen und Arbeitsgruppen mit Veränderungsthemen beschäftigt. Wir sagen, unsere Kirche muss sich anders aufstellen und mit Profil und Konzentration auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren. Daher haben wir unseren Kirchenentwicklungsprozess „Profil und Konzentration“ genannt. Dieser Prozess ist einer der Motoren für die Veränderung unserer Kirche
Redaktion: Wie soll diese Veränderung konkret aussehen?
Preidel: Wir überlegen, welche Themen wir für die Kirche der Zukunft brauchen und welches Bild am besten zur Kirche der Zukunft passt. Ist es der schwere Tanker? Ein schwerer Tanker ist behäbig und schwer manövrierbar. Wenn wir uns als Kirche so verstehen, dann werden wir nicht an Relevanz gewinnen. Brauchen wir nicht andere Bilder von Kirche für unseren Zukunftsprozess? Wie kann die Kirche an eine Gesellschaft andocken, die sich im Moment sehr schnell verändert? Wie kann sie lebendig werden und bleiben? Wie kann sie Themen aufgreifen, die im Moment noch gar nicht aktuell sind, aber in absehbarer Zeit hinter dem Horizont auftauchen werden? So groß die Flüchtlingsherausforderung war: Unsere Kirche hat hier bewiesen, dass sie schnell und wendig ist. Und sie hat gezeigt, dass sie kein schwerer Tanker ist, sondern aus vielen Schnellbooten besteht, die schnell bei den Menschen sind, für die die Kirche da ist.
Redaktion: Was sind das für Schnellboote? Wo ist die Kirche vornedran?
Preidel: Wir erleben gerade einen Bedeutungswandel. Die Ortsgemeinde muss ihre Kirchenräume als Erfahrungsräume der Spiritualität zur Verfügung stellen. Aber nicht jede Kirchengemeinde muss alles für alle anbieten. Da muss sich eine neue Struktur ergeben. Wir haben das auch ausprobiert. Das Dekanat Erlangen plant eine Aufteilung in acht Regionen, die geografisch zusammenhängen, aber unterschiedliche Schwerpunkte haben. Für alle Regionen gibt es dann ein überregionales Netzwerk von Einrichtungen, Diensten und Angeboten, wie etwa Jugend- oder Konfirmandenarbeit. Auch andere Dekanate haben innovative Ideen. Ich bin gespannt, wie sich diese Neustrukturierungsprozesse auf die Ebene der gesamten Landeskirche übertragen lassen und welche Veränderung unserer kirchlichen Kultur dadurch entsteht.
Redaktion: In der Synode gibt es allerdings eine gewisse Theologen-Lastigkeit. Die meisten Synodalen sind Insider und seit vielen Jahren dabei. Wo kriegt die Kirche denn Inspirationen für diese ganzen Neuerungen her?
Preidel: Na ja, wir sitzen doch nicht nur in Gremien! Ich gehe zum Beispiel regelmäßig ins Theater und in die Oper. Und ich versuche auch, Diskussionsorte, Diskussionsrunden, runde Tische mit immer wieder wechselnden Zusammensetzungen und natürlich nicht nur mit Mitgliedern der Synode zu initiieren.
Natürlich hat Kirche immer den Hang dazu, zu selbstbezogen zu sein. Die Landessynode ist allerdings nicht so gedacht – zwei Drittel sind Ehrenamtliche, ein Drittel Hauptamtliche. Aber ich finde schon, dass im Moment zu viele Synodale auf der Payroll der Kirche sind. Das muss verändert werden, damit die Synode ein wirklich repräsentatives Gremium ist.
Redaktion: Bei der letzten Synode gab es einen Themenschwerpunkt „Kirche in ländlichen Räumen“. Was haben Sie da zu bieten, und was gibt es da Neues?
Preidel: Für die Synodalen war es erstmal wichtig zu sehen, wie breit die Angebotspalette ist. Es ging uns darum wahrzunehmen, wie vielfältig sich unsere Kirche in den ländlichen Räumen präsentiert. Wichtig war für uns: Die Synode geht aus dem Sitzungsraum heraus und bewegt sich. Neues entsteht eben auch durch Ortswechsel und durch Bewegung.
Redaktion: Haben Sie denn eine Idee, wie die Kirche in 20 Jahren aussehen wird? Welche Wünsche haben Sie selbst?
Preidel: Ich wünsche mir, dass die Kirchengemeinden inspirative Orte werden, die eine magnetische Anziehungskraft haben. Ich glaube, dass jede Gemeinde irgendeinen Brennpunkt hat und dass diese Brennpunkte, wenn sie profilbildend identifiziert werden, auch die Gemeinden zu attraktiven Orten werden lassen.
Redaktion: Also mehr Flexibilität, mehr Spielraum für Spontaneität?
Preidel: Spielraum ist ein schönes Wort. In Spielräumen entsteht eben auch das Kreative. Wir müssen nicht nur als Licht der Welt Ausstrahlung haben, sondern auch Salz der Erde sein.
Kirchenparlament: Die LandesSynode
Die Synode besteht aus 108 gewählten und berufenen Kirchenmitgliedern und ist verantwortlich für wichtige Entscheidungen in kirchlichen Angelegenheiten – von der Gesetzgebung über die Finanz- und Stellenplanung bis hin zur Ordnung des kirchlichen Lebens. Von den 89 gewählten Synodalen sind 29 ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer und 60 nicht ordinierte Gemeindemitglieder. Die Synode wird alle sechs Jahr neu gewählt und trifft sich zweimal im Jahr für mehrere Tage.
