Zuhören und anpacken
Die Innere Mission München betreut Flüchtlinge auf unterschiedlichste Weise. Ergänzt wird ihre Arbeit von einer neuen „Task Force“ der ELKB.

Ausgelassen toben Kinder durch die engen Räume, fröhliches Schreien und Lachen ist zu hören, ein kleines Mädchen sitzt auf einem Schaukelpferd, nebenan messen wilde Jungs am Kicker-Tisch ihre Kräfte. Und doch ist hier etwas anders als in einer gewöhnlichen Kita oder Schule: Die Kinder heißen nicht Laura oder Luca, sondern Seinat, Eyna, Mohammed, Fati, Panja, Firas oder Murteza.

Hier in der Münchner Bayernkaserne, wo mehr als 1.150 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Äthiopien oder Russland leben, steht das Family House. Von außen wirken die Container ein wenig schmucklos, doch sobald man eintritt, ist zu spüren, wie intensiv hier gearbeitet wird. Mittendrin Erzieherin Isabell Just, eine von vier Fachkräften im Haus: „Ein Drittel der Geflüchteten sind unter 18 Jahre alt“, erklärt sie, „viele Kinder hatten monatelang kein Spielzeug in der Hand.“ Der Leiter des Family House, Fuad Rzayev, nickt: „Sie sind unterschiedlich lange hier – von zwei Tagen bis zu sieben Monaten, das macht es manchmal nicht einfach.“

Versierte Fachkräfte kümmern sich um die Kinder und Jugendlichen, wenige Monate bis 17 Jahre alt. Und auch die Eltern werden mit verschiedenen Bildungs- und Beratungsangeboten für ihr alltägliches Leben in Deutschland fit gemacht. Fuad Rzayev zeigt auf die Flyer mit ersten Informationen in verschiedenen Sprachen wie Farsi, Dari oder Paschtu. Auf dem Tisch liegt ein dickes Arabisch-Wörterbuch. „Es geht um Bildung zum Leben und erste Integration. Vom Einkauf im Supermarkt über den Arztbesuch bis hin zu Behördenangelegenheiten.“ Und um Werte wie den täglichen Umgang miteinander, die hier klar kommuniziert werden: „Wenn Kinder zum Beispiel rassistische Tendenzen gegen Kinder aus einem anderen Land zeigen, sage ich auch den Eltern: So geht es nicht.“


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<strong> Arbeit mit geflohenen Kindern: </strong> Schulunterricht in der Münchener Bayernkaserne. Die Schülerinnen und Schüler bleiben zwei Tage bis mehrere Monate hier und erhalten Hilfe für die ersten Schritte in Deutschland.
Arbeit mit geflohenen Kindern: Schulunterricht in der Münchener Bayernkaserne. Die Schülerinnen und Schüler bleiben zwei Tage bis mehrere Monate hier und erhalten Hilfe für die ersten Schritte in Deutschland.

Als Mitarbeiter sei es manchmal schwer, wenn man eine Beziehung aufgebaut habe, dann jedoch nicht wisse, wie es für die Familie weitergehe. „Wichtig ist aber, Menschen am Anfang ihres Weges in Deutschland begleitet zu haben, auch wenn es nur wenige Tage waren. Gleiche Chancen und Zugänge zu Bildung sind vorrangig. Dabei zählt jeder Tag.“ Beim Transfer in eine andere Einrichtung gebe er jedem Kind irgendetwas mit auf den Weg, so Rzayev: meist ein Spielzeug, als Erinnerung an die ersten Tage in der fremden Umgebung.


„Der Staat kann nicht alles fördern.
wir als Kirche haben auch eine
Verantwortung für die Menschen.“
Andrea Betz, Family House

Ein Lächeln in den 
Gesichtern der Kinder

„Tschüüüüss, bis morgen!", tönt es plötzlich laut im Chor aus dem Raum nebenan. Hier hat Mitarbeiterin Heike von Wangenheim gerade ihren Deutschunterricht beendet. „Dieses Angebot ist elementar“, erklärt ihre Chefin Andrea Betz. „Die Landesregierung hat die Schulpflicht für die Geflüchteten in der Erstaufnahme für drei Monate ausgesetzt – da aber jeder Tag im Hinblick auf Bildung und Integration zählt, ist die Arbeit im Family House so wichtig.“ Schließlich bedeute Integration immer Chancengerechtigkeit von Anfang an. „Die Kinder wollen schnell Deutsch lernen, es gibt eine überaus hohe Motivation“, bekräftigt von Wangenheim. Rzayev nennt ein Beispiel: „Vor kurzem kam ein Junge zu mir und sagte: Kannst du mir helfen, ich habe ein Problem mit dem Genitiv – auch das zeigt, wie ernst es den Kindern mit einer schnellen Integration ist.“ Für Stadtdekanin Barbara Kittelberger ist das Family House denn auch ein Ort des Vertrauens, wo Kinder wieder „erste Schritte aus den Schatten der Vergangenheit heraus tun können“. Fuad Rzayev kann da nur beipflichten: „Wir wollen ein Lächeln in die Gesichter der Kinder zaubern.“

Die Innere Mission München, mit etwa 2.100 Mitarbeitenden in fast allen diakonischen Feldern der evangelischen Kirche aktiv, leistet bereits seit mehr als 30 Jahren Flüchtlingshilfe. Auch in den sechs Dependancen der Bayernkaserne ist sie mit ähnlichen Angeboten wie im Family House tätig.


Doch das ist längst nicht alles: „Die Beratung von Asylsuchenden wird immer wichtiger, weil die Verfahren immer komplizierter werden“, sagt Betz. Dazu kommt, dass auch die Beratungszahlen stetig steigen: „Medizinische Gutachten oder Ähnliches müssen immer auf korrekte Art und Weise in der Landessprache vermittelt werden, um Missverständnisse zu vermeiden und nicht Ängste zu schüren.“ Oft geht es in den Gesprächen auch darum, Panik und Ängste einzugrenzen und überstürzte Reaktionen zu verhindern. „Zum Beispiel Hals über Kopf zum Ehemann, der in Italien gelandet ist, aufzubrechen.“

Die Kosten für professionelle Dolmetscher erstattet die öffentliche Hand nicht in ausreichendem Umfang. Hier springt die ELKB mit ein. „Der Staat kann nicht alles fördern. Wir als Kirche haben auch eine Verantwortung für die Menschen“, sagt Betz entschlossen. „Durch Spenden und kirchliche Zuschüsse haben wir auch Gestaltungsfreiheit.“ Bei der Begleitung, von der Ankunft in der Stadt über die Anerkennung und den Einzug in die eigene Wohnung bis hin zur Suche nach einem Job oder Kita-Platz, „bis ein Geflüchteter hier einigermaßen festen Boden unter den Füßen hat“.


<strong> Ein Lager bei Erbil im Nordirak: </strong> Die ELKB unterstützt Geflüchtete auch in ihren Herkunftsländern.
Ein Lager bei Erbil im Nordirak: Die ELKB unterstützt Geflüchtete auch in ihren Herkunftsländern.

Schön, dass Ihr da seid!

Ausdrücklich lobt Betz die Stadt München. Sowohl die Bevölkerung für ihre Willkommenskultur als auch die verantwortlichen Politiker für die Bereitschaft zur Finanzierung von Angeboten – auch der Inneren Mission. Die Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden funktioniert ebenfalls gut. „Es gibt hier eine äußerst positive Haltung den Flüchtlingen gegenüber. Viele wollen helfen.“

Gehandelt hat auch die Landeskirche. Sie hat rund 30 Millionen Euro für die Unterstützung von Flüchtlingen bereitgestellt und eine Task Force „Wir schaffen Herberge“ eingerichtet. „Der Staat sorgt für ein Dach über dem Kopf und für Nahrung; doch dabei ist er auf die Hilfe von Privatleuten und Institutionen angewiesen“, erklärt Bettina Naumann von der Task Force. So haben Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen in Bayern Raum für insgesamt 4.300 Asylsuchende angeboten, belegt sind davon derzeit über 2.000 Plätze. „Ohne die vielen Ehrenamtlichen aus bayerischen Kirchengemeinden und Einrichtungen wäre das nicht möglich“, weiß Naumann. Sie begleiten Geflüchtete bei Arztbesuchen, organisieren Deutschkurse und unterstützen bei Behördenangelegenheiten. Über 30 der 46 Evangelischen Bildungswerke in Bayern bieten bereits Schulungen für Ehrenamtliche in der Asylarbeit an, die Zahl der Angebote steigt stetig.

Auch bei der Inneren Mission München setzt man auf das Ehrenamt. Mehr als 650 Menschen engagieren sich hier zusätzlich zu den 200 Hauptamtlichen in Sachen Flüchtlingshilfe. Am Eingang der einstigen Kaserne steht das Lighthouse Welcome Center, eine Anlaufstelle für die Menschen, in der sie zu den unterschiedlichsten Fragen beraten werden. Mehrere Hilfeorganisationen betreiben es gemeinsam. Die Geflüchteten bekommen hier neben Informationen auch einen Tee oder einen Kaffee.

Zwei ehrenamtlich tätige Mitarbeiterinnen sind gerade dabei, einem Eritreer zu erklären, wie er mit dem Bus in die Innenstadt kommt. 


Eine Helferin, die auch arabisch spricht, erklärt: „Wir stehen für die gesamte Palette an Themen zur Verfügung: ‚Wo gibt es was in München? Was macht man mit den Papieren vom Bundesamt? Warum bekomme ich mein Geld nicht?’." „Wir möchten, dass die Ankommenden wissen: Wir sind für euch da!“, resümiert ihre Kollegin und ergänzt nachdenklich: „Manchmal muss man einfach nur zuhören. Das gibt den Menschen wieder ihre Würde zurück."


„Es gibt viele Orte, an denen das gelingt.“

Ein iranisches Ehepaar ist gut in die Kirchengemeinde integriert.

Sie kommen aus der quirligen Millionenstadt Teheran und leben jetzt im beschaulich-kleinstädtischen Selb: Shirin und Milad. Das junge Ehepaar musste Hals über Kopf aus dem Iran fliehen, weil es sich mit anderen Christen traf. Heimlich. Und illegal.

Das Problem: Menschen aus ursprünglich christlichen Familien können in Persien zwar noch unbehelligt leben, zum Christentum übergetretene ehemalige Moslems aber werden gnadenlos verfolgt. Vermutlich hatte ein enger Verwandter Shirin und ihren Mann Milad an die Behörden verraten – plötzlich stand die Polizei vor der Tür und durchsuchte die komplette Wohnung des jungen Ehepaars. Wie durch ein Wunder konnten sie den Behörden entkommen und das Land schließlich mit Hilfe von Schleusern verlassen – „für sehr viel Geld und den gesamten Familienschmuck“, wie Shirin berichtet.

Nach mehreren Wochen landete das Paar schließlich bei einer Cousine in Wiesbaden – von dort ging es dann vor 15 Monaten nach Selb. „Hier wurden sie mit offenen Armen empfangen“, betont Dekan Volker Pröbstl. Eine Dame aus der Gemeinde kümmerte sich um die beiden, inzwischen „ist ein Gemeindeleben ohne die beiden nicht mehr vorstellbar“, wie Pröbstl stolz berichtet. Besonders beeindruckt hat ihn, dass sich Shirin und Milad nach intensiven Gesprächen von ihm taufen ließen.

Inzwischen hat Milad hat einen festen Job bei einem örtlichen Unternehmen und kämpft im Tischtennisverein um Punkte; Shirin, die eigentlich Grafikerin werden wollte, geht bei einem Friseurbetrieb in die Lehre und verstärkt den Gospelchor. Von Ausländerfeindlichkeit haben beide noch nichts gemerkt, im Gegenteil: Stadtverwaltung, Landkreis und die örtliche Polizei spielten prima mit, bestätigt der Dekan. Und er ist zuversichtlich: „Es gibt viele Orte, an denen das so gelingt.“

Mehr Infos finden Sie auf www.esg-bayern.de

Gemeinsames Gemeindeleben: Die junge persische Familie und Dekan Volker Pröbstl am Taufbecken
Gemeinsames Gemeindeleben: Die junge Familie und Dekan Volker Pröbstl
Neue Heimat:  Shirin und Milad blicken auf Selb.
Neue Heimat: Shirin und Milad blicken auf Selb.