Freundschaft oder Freundlichkeit?
Reisende haben eine Menge Zeit. Und nutzen sie für die Suche nach Sinn. Das ist eine große Chance für die Kirchen vor Ort. Es kann aber auch anstrengend sein.

Herzliche Gastfreundschaft erwartet die gut 25 Pfarrerinnen und Pfarrer aus bayerischen Kur- und Urlaubsorten, wenn sie sich alljährlich in einem Gästehaus zu ihrer Studienwoche treffen. Doch gerade über Gastfreundschaft wird in der Gruppe, geleitet von Thomas Roßmerkel, dem Tourismusreferenten der ELKB, auch heftig diskutiert: Was soll, was kann Kirche Urlaubern bieten? Von der bedingungslos freundschaftlichen Aufnahme der Reisenden bis hin zum serviceorientierten, aber auch professionell-distanzierten Veranstaltungsangebot reicht das Spektrum der Ansichten. Freundschaft für alle? Oder doch nur wohldosierte Freundlichkeit?

Die Sensibilisierung für das Thema Urlauberseelsorge ist ein Gebot der Stunde: Die Tourismus­industrie ist weltweit eine der bedeutendsten und am schnellsten wachsenden Branchen, 2015 wurden von der UN World Tourism Organization (UNWTO) über 1,2 Milliarden grenz­überschreitende Urlaubsreisen weltweit verzeichnet. Wirft man einen Blick auf Deutschland, so sind auch hier aktuell enorme Wachstumsraten zu erkennen – deutsche Städte und Regionen gewinnen mit qualitätsorientierten Angeboten weiterhin an Attraktivität; aber auch Angst vor Terrorismus und internationalen Krisen spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Etwa ein Drittel der Deutschen verbringt seinen Urlaub in Deutschland, Bayern ist dabei mit 88 Millionen Übernachtungen das wichtigste innerdeutsche Reiseziel.

Reisen ist ein bedeutender Bestandteil der Freizeitgestaltung. Dabei haben sich die Interessen seit den 60er Jahren stark geändert: Standen beim Aufkommen des Massentourismus die Erholung und die Regenerierung der Arbeitskraft im Mittelpunkt des Interesses, so spielen heute individuelle Erlebnisse – trotz Massentourismus! – und die Suche nach Sinn eine immer größere Rolle. Die Erholungsmomente sollen nicht zu kurz kommen, doch gleichzeitig gewinnt das Aktivsein an Bedeutung. Wünsche nach Authentizität, Kreativität, Spontaneität und Nachhaltigkeit bestimmen die Reiseplanung. Und: Auch dem Spirituellen wird während des Urlaubs oft mehr Raum gegeben als im Alltag.

<strong> Wettbewerb um Urlaubsgäste: </strong> Auch die Kirche lädt ein.
Wettbewerb um Urlaubsgäste: Auch die Kirche lädt ein.

<strong> Pause im Park: </strong> Kirchen bieten ausreichend Platz zum Ausruhen und Nachdenken.
Pause im Park: Kirchen bieten ausreichend Platz zum Ausruhen und Nachdenken.
<strong> Himmelfahrt: </strong> Ökumenischer Berggottesdienst in den Alpen
Himmelfahrt: Ökumenischer Berggottesdienst in den Alpen
„Was Urlauber heute suchen, ist inneres Wachstum.“

Dabei geht es weniger um fernöstliche Meditationspraktiken, wie dies häufig im Boulevard diskutiert wird. Was Urlauber heute suchen, ist inneres Wachstum. Bei dieser Reise zu sich selbst möchte man ein Stück Selbstfindung erfahren, in einer Welt, die immer komplexer und dynamischer erscheint. Zeitgenössische Spiritualität umfasst auch die Sehnsucht nach dem Ganz-Sein – einer Art Heilung der in Unordnung geratenen Selbstwahrnehmung im Alltag. Eng verbunden ist dies mit dem Wunsch nach Orientierung und der Suche nach einem neuen Anstoß im Leben.

Klosteraufenthalte und Pilgerreisen sind eine logische Konsequenz für ein stimmiges Angebot im Kontext des spirituellen Reisens. Das „Ich bin dann mal weg"-Motto von Hape Kerkeling inspirierte viele Reisende, gerade auch kirchenferne, zum Pilgern. Sich und seine Schmerzen spüren, Meditation und das Erleben von Gemeinschaft stellen sicherlich wichtige Schritte zur Selbstfindung dar. Dass man dabei eine Vielzahl interessanter Menschen verschiedenster Denominationen kennenlernt, mit ihnen über Gott und die Welt ins Gespräch kommt, bedeutet neue Inspiration – weit entfernt vom 
massentauglichen Entertainment der klassischen Reiseangebote.

Nachdenken. Und wichtige Entscheidungen treffen.

Doch nicht nur Pilgerwege bieten die Möglichkeit zu einer spirituellen Auszeit: die Idee des „Klosters auf Zeit" erfreut sich bei all jenen, die nach einem Gegenentwurf zum hektischen Alltag suchen, weiterhin großer Beliebtheit. Wo sonst bieten sich so intensiv Raum und Zeit zur Kontemplation? Wo sonst taucht man in einen ganz neuen Lebensrhythmus ein, der eine ausgleichende Wirkung auf Geist und Seele hat? Nicht wenige überdenken während ihres Klosteraufenthaltes Lebenswege neu und treffen wichtige Entscheidungen.


Spirituelle Lebensanstöße finden allerdings noch in vielen weiteren Bereichen des kirchlichen Spektrums statt – hier spielen die Kreativität und das Engagement der Ortsgemeinden eine große Rolle. Die lange Zeit im Zentrum stehende Vorstellung, dass man Urlaubsgäste in den Sonntagsgottesdiensten erreichen könnte, funktioniert so einfach nicht. Viele Gäste haben keinen Bezug mehr zum klassischen Gottesdienstangebot, empfinden dies als zu konservativ oder als nicht mehr relevant im Alltag. Weisen Gottesdienste jedoch Erlebnischarakter auf, so stoßen sie auf erstaunlich hohes Interesse. Und liegen damit voll im Trend zum erlebnisorientierten Tourismus. Für Begeisterung sorgen Erlebnisse dann, wenn sie nachhaltig im Gedächtnis bleiben, sich von anderen Angeboten unterscheiden und somit einzigartig sind.

Genau das können die etwa 800 evangelischen Berggottesdienste und Andachten im Grünen bieten. „Hier verspüren unsere Besucher inmitten der Natur und fern vom Alltag ein besonderes Glücksgefühl, und sie erfahren andere Dimensionen des Lebens“, beschreibt das Thomas Roßmerkel. „Sie sind in der freien Natur offener für spirituelle und religiöse Erfahrungen und fühlen sich eher im Einklang mit der Schöpfung.“ Hat man in den klassischen Kirchenräumen häufig seine zugewiesenen Plätze – wobei Urlaubsgäste manchmal den Eindruck gewinnen, nur „Zaungäste“ zu sein – so stellt sich die Situation in der freien Natur meist ganz anders dar: Man begegnet sich freier und offener, Neugierde führt zum Austausch, gemeinsames Feiern wird Realität.

Storytelling in historischen Mauern

Auch jenseits klassischer Gottesdienste stoßen Kirchen und religiöse Stätten überall auf Interesse – nicht nur bei leidenschaftlichen Bildungsreisenden. Deshalb sind viele kirchliche „Locations“ wie Kapellen, Flurkreuze oder Bildstöcke so gestaltet, dass sie ein tieferes kulturelles und ein sinnstiftendes Erlebnis bieten.

Nirgendwo sonst werden so viele Geschichten erzählt wie in Kirchenräumen – biblische Abenteuer, Anekdoten aus der Historie der einzelnen Bauwerke. Diese Storys können auch heute noch berühren, beeindrucken, letztendlich Denk- und Lebensanstöße liefern.

Gute Kirchenführungen sind mithin inszeniert – spannendes „Storytelling“ und nicht das Aufzählen von Zahlen und Fakten.


<strong> Sich neu erfahren: </strong> Pilgern liegt voll im Trend.
Sich neu erfahren: Pilgern liegt voll im Trend.

Überforderung und Überfremdung

Doch genau da liegt eine große Herausforderung: In vielen Urlaubsregionen wird der Tourismus nicht mehr als positiver wirtschaftlicher Faktor und schon gar nicht als Möglichkeit des kulturellen Austausches gesehen; vielmehr erleben viele Einheimische Stress, Überforderung und Überfremdung durch die große Zahl der Besucher. Hier hat die Kirche eine wichtige Aufgabe – sie steht als Ansprechpartner und Rückzugsraum zur Verfügung, um den lokalen Gemeindemitgliedern eine Balance zur als Belastung empfundenen „Überfremdung“ zu bieten. Und auch für die vielen Beschäftigten in Restaurants, Hotels und anderen Tourismusbetrieben ist die Kirche ein Stück temporärer Heimat – kommen doch die meisten der Servicekräfte häufig selbst aus anderen Gegenden oder Ländern.

Die kirchliche Präsenz an touristischen Orten oszilliert somit zwischen der Pflege von als christlich bekannten Ritualen, der Stabilisierung der örtlichen Gemeindekultur und der erlebnisorientierten Ausgestaltung des kirchlichen Raums für Urlauber. Letztlich aber geht es um ein authentisches Miteinander, das Einheimischen wie Gästen ein echtes Gemeindeerlebnis bietet, die ihrerseits aber auch gegenseitige Wertschätzung erwarten. Und genau das ist der Unterschied zwischen den vielen Dienstleistern im Tourismus und den evangelischen Kirchen vor Ort: Professionell sind sicherlich beide. Mit den kirchlichen Angeboten aber wird Gastfreundschaft als echte Beziehungsqualität erlebt und nicht nur als distanzierte Freundlichkeit, die die Servicequalität definiert – Freundschaft im zutiefst christlichen Sinn.

„Ein authentisches Miteinander, das ein echtes Gemeindeerlebnis bietet.“
<strong> Kunst und Spiritualität: </strong> Offene Kirchen laden ein.
Kunst und Spiritualität: Offene Kirchen laden ein.