Beteiligung statt Betreuung
Das Leben in den Gemeinden hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Dies belegt auch eine Studie, die Überraschendes zutage bringt.

Sie engagieren sich in Gemeinden und Einrichtungen oder bei der Diakonie. Sie besuchen alte Menschen, gestalten Kinder- und Jugendgruppen, betreuen Flüchtlinge oder leiten als Kirchenvorsteher eine Gemeinde mit. Unverzichtbar gehören sie zum Profil der ELKB: die Ehrenamtlichen.

Und die standen auch im Fokus einer Untersuchung von insgesamt 275 Gemeinden und landesweiten Einrichtungen der evangelischen Kirche. „Ehrenamt sichtbar machen“ heißt die Evaluationsstudie im Auftrag des Amtes für Gemeindedienst, durchgeführt von der Evangelischen Hochschule Nürnberg. „Es war an der Zeit dafür“, sagt der Geschäftsführer des Amtes für Gemeindedienst, Ulrich Jakubek, „davor wusste man in der ELKB nur wenig über die Ehrenamtlichen.“ Bekannt waren lediglich die Zahlen aus der kirchlichen Statistik, aber so gut wie nichts über die Motive oder den Umfang der geleisteten Arbeit. Herausgekommen ist die beste Datengrundlage einer Landeskirche, die zu diesem Thema zur Verfügung steht. „Die aufgezeigten Trends, Stärken und Defizite“, ist Jakubek sicher, „können direkte Auswirkungen auf die Angebote der Gemeinden und Einrichtungen haben.“


<strong> Ob Kirchentag, Katastrophenhilfe oder Sozialarbeit: </strong> Ehrenamtliche Hilfe ist überall gefragt.
Ob Kirchentag, Katastrophenhilfe oder Sozialarbeit: Ehrenamtliche Hilfe ist überall gefragt.

Wenig Angebote für Männer

Gezeigt hat sich, dass sich die Struktur des Ehrenamts der evangelischen Kirche durchaus von der anderer Institutionen in Bayern unterscheidet: Während es landesweit nur 47 Prozent Frauen sind, die sich engagieren, beträgt die Zahl der weiblichen Ehrenamtlichen in der ELKB 68 Prozent. Für Jakubek ein Zeichen, dass es in der Kirche noch zu wenige passende Angebote für Männer gibt: „Viele Männer sind technikaffin oder sportbegeistert und gehen daher eher zur Freiwilligen Feuerwehr oder in Sportvereine.“

Ein ähnliches Defizit sieht Jakubek in Hinblick auf Singles: Lediglich 14,3 Prozent aller Ehrenamtlichen lebten nicht in einer Partnerschaft. „Wir müssen uns fragen, wie wir mit mehr Alleinlebenden in Kontakt kommen und welche Zugänge wir ihnen eröffnen können.“ Zahlreiche Kontakte von potentiellen Ehrenamtlichen zur Kirche entstünden schließlich durch die eigenen Kinder, etwa bei der Taufe oder in der Kita. Auch beim Bildungsgrad der Ehrenamtlichen gibt es erhebliche Unterschiede gegenüber dem Landesdurchschnitt. Ehrenamtliche mit Haupt- oder Volksschulabschluss stellen dort rund 47 Prozent, in der ELKB hingegen nur gut 24 Prozent. „Je höher der formelle Abschluss ist, umso stärker repräsentiert ist die jeweilige Gruppe in der Kirche.“

Verändert hat sich – laut Studie – etwas ganz Entscheidendes: Für Menschen, die sich heute ehrenamtlich engagieren, steht nicht mehr nur das altruistische Motiv des Helfens im Vordergrund. Mittlerweile liegen „Spaß und Freude“ an erster Stelle. Das kann auch Hans-Martin Walther aus dem mittelfränkischen Uffenheim, ehrenamtlicher Vertrauensmann im Kirchenvorstand seiner Gemeinde, bestätigen. Er sieht weitreichende Konsequenzen für die Gemeinden: „Weg von der Betreuung, hin zur Beteiligung“, betont der Diplom-Ingenieur für Maschinenbau.



Verantwortung übernehmen – 
mit eigenem Nutzen

„Eine ehrenamtliche Tätigkeit wird heute zunehmend mit Ansprüchen verbunden“, ergänzt die pädagogische Leiterin der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung, Dorathea Strichau. „Menschen wollen etwas Sinnvolles tun, möchten Verantwortung in Gesellschaft und Kirche übernehmen und erwarten davon gleichzeitig einen eigenen Nutzen.“ Dazu gehöre auch, mit eigenen und gemeinsamen Ideen zu experimentieren und die eigenen Begabungen, Fähigkeiten und Talente wirksam einzubringen.

Überrascht zeigte sich Jakubek von der Zahl der ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden: Rund 2,1 Millionen pro Monat sind es, die insgesamt 150.000 Ehrenamtliche in der ELKB leisten, Tendenz steigend. Das entspricht rund 12.000 Vollzeitstellen. Dazu kommen noch 700.000 Stunden außerhalb der Kirche. Denn mehr als die Hälfte aller Engagierten sind zusätzlich noch an anderen Stellen aktiv. „Wenn man sich dann aufgrund von mangelnden Zeitkapazitäten zum Beispiel entscheiden muss, welches Ehrenamt man behält und welches man aufgibt, kann es eng werden“, warnt Jakubek. Daher sei es immens wichtig, dass Kirche und Gemeinden etwas über die Motivationen ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter wissen.


„Altruismus, Geselligkeit, Selbstentfaltung“

Stephan Seidelmann über die Gründe, warum immer mehr Menschen in der Kirche mitmachen.

<strong>Hat zum Thema Ehrenamt geforscht:</strong> Pfarrer Stephan Seidelmann
Hat zum Thema Ehrenamt geforscht: Pfarrer Stephan Seidelmann

Die Zahl der Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche steigt. Und zwar signifikant. Das schreiben Sie jedenfalls in Ihrer Doktorarbeit ...

... genau: in allen Altersgruppen, vor allem aber bei Menschen ab 60 Jahren.

Warum engagieren sich die Menschen überhaupt in der Kirche?

Da gibt es eine Vielfalt an Gründen, markant sind drei Motive: Altruismus, Geselligkeit, Selbstentfaltung.

Wie wichtig ist es dabei, dass ich als Helfer auch selbst etwas von meiner Hilfe habe?

Ehrenamtliche finden es wichtig, eigene Interessen vertreten zu können. Das ist aber nur eine Erwartung unter anderen. Nach wie vor sehr relevant ist es, sympathische Menschen kennenzulernen und anderen zu helfen – insbesondere in der evangelischen Kirche.

Hat es mit der letzten Lebensphase zu tun, dass man sich den sinnstiftenden Angeboten zuwendet?

Ich würde sagen, dass Kirche generell sehr dicht an dieser Altersgruppe dran ist. Und da ist es leicht, um Mitarbeitende zu werben.

Muss sich die Kirche also gar nicht sorgen?

Das sicherlich nicht. Aber es gibt eben auch positive Trends in unserer Kirche, wie die wachsende Zahl von Ehrenamtlichen.